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Gamification im Quality Engineering – was bringt es mir?
Geschrieben von Dr.-Ing. Dehla Sokenou /
Juli 2026

Inhaltsverzeichnis:
Wenn Quality Engineering auf Gamification trifft, wachsen Motivation, Teamgeist und die Freude an kontinuierlicher Verbesserung. Aus Routinen werden motivierende Challenges und aus Qualität ein gemeinsames Ziel.
Wir befinden uns in herausfordernden Zeiten. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz nimmt immer stärker zu und übernimmt unsere Alltagsaufgaben. Eines wird KI bis auf weiteres nicht ersetzen können: die menschliche Kreativität, über das Bekannte hinaus zu denken. Genau dort setzen Gamification-Techniken an. Sie unterstützen unsere kreativen Prozesse, beim Quality Engineering ebenso wie bei konstruktiven Qualitätssicherungsmaßnahmen oder dem Brainstorming über Risiken. Und sie können noch mehr. Denn sie fördern Kommunikation und Teamzusammenhalt und wirken so der einsamen, ausschließlichen Unterhaltung mit einer KI entgegen.
Gamification als Match-Winner
Gamification bringt spielerische Elemente in unsere tägliche Arbeit. Dazu werden Elemente als klassischen und Videospielen in einen ernsten Kontext übertragen [vgl. Deterding2001]. Es geht dabei nicht um bloßen Zeitvertreib, sondern um messbare Vorteile.
Die Einführung von Gamification-Techniken ist leichtgewichtig möglich. Doch welche Technik eignet sich, wenn es noch keine Erfahrung mit Gamification im Projekt gibt? Sie soll wenig Zeit kosten, leicht anwendbar sein und einen echten Mehrwert bringen. Exemplarisch betrachten wir drei unterschiedliche Gamification-Techniken und stellen deren wesentlichen Nutzen heraus.
Kreativität leben

Abbildung 1: Risk Storming Session
Jedes Projekt und somit auch jedes Softwareprojekt ist mit Risiken behaftet. Diese Risiken zu ermitteln, deren Schadenspotential zu analysieren und Gegenmaßnahmen zu ergreifen ist eine essentielle Aufgabe aller Projektbeteiligten. Risiken zu verstehen hilft, Fehler zu vermeiden und die Qualität zu erhöhen, sei es durch konstruktive Maßnahmen im Prozess oder analytischen Maßnahmen wie risikobasiertes Testen.
Aber wie kommen wir auf Risiken jenseits von Stromausfall und Überschreiten von Deadlines? Was sind wirklich spezifische Risiken des eigenen Projekts? Denken wir über den Tellerrand hinaus?
Risk Storming [RiskStorming] [Güldali2023:3] ist eine Gamification-Technik, die das Brainstorming unterstützt und den Prozess von den Qualitätsanforderungen bis zur Qualitätsstrategie begleitet. Es basiert auf Elementen aus strategischen Brettspielen und wird in kurzen Sessions von etwa ein bis eineinhalb Stunden durchgeführt. Es gibt verschiedene Arten von Karten, die im Laufe der Session auf einem Board platziert werden. Eine Session besteht aus vier Phasen.
In der ersten Phase muss das Team entscheiden, welche sechs Qualitätsmerkmale für das zu betrachtende Softwareprodukt die wichtigsten sind. Mehr als sechs Plätze gibt es nicht auf dem Board, so dass hier bereits die ersten Diskussionen zu erwarten sind. Ist Performance wichtiger oder doch eher Benutzbarkeit? Security oder Wartbarkeit? Braucht es ggf. eine weitere Session, um die jetzt nicht betrachteten Karten zu behandeln?
Hat das Team sich auf die Qualitätsmerkmale geeinigt, erfolgt in Phase zwei ein Brainstorming, das sich auf die ausgewählten Qualitätsmerkmale fokussiert. Hierbei werden – orientiert an den Karten mit den Qualitätsmerkmalen, Risiken per Stickies auf das Board geklebt.
In Phase drei kommen die restlichen Karten zum Einsatz: Produkt-, Dev-, Test- und Op-Karten sowie Karten zu sozialen Aspekten. Hier überlegt das Team, wie den Risiken zu begegnet werden kann. Die Karten geben dabei gute Anregungen.
Phase vier schließt das Risk Storming ab. Aus den Überlegungen aus der vorangegangenen Phase werden Aktionen identifiziert und eingeplant.
Risk Storming ist ein leichtgewichtiges Format, das hilft, Risiken zu identifizieren und im ganzen Team und vor alle Stakeholder bewusst und transparent zu machen. Die Technik stärkt den kreativen Prozess der Risikoermittlung und hilft, die aufgedeckten Risiken tatsächlich zu behandeln.
Wissensvermittlung leicht gemacht

Abbildung 2: Ergebnis einer Bingo Bongo Session
Einen anderen Ansatz verfolgt das Bug Hunting [Güldali2023:1]. Während es sich beim Risk Storming um eine kooperative Technik handelt, steht beim Bug Hunting der kompetitive Charakter im Vordergrund. Jeder Beteiligte versucht, in der verfügbaren Zeitspanne möglichst viele Fehler in der Software zu finden.
Bug Hunting passt sehr gut in agile Entwicklungsprozesse. Meist sind große Teile der Tests automatisiert, ein Abarbeiten klassischer Testpläne ist aufgrund der schnellen iterativen Entwicklung oft nur bedingt möglich und in vielen Fällen auch nicht notwendig. Trotzdem kann eine manuelle Sichtung sinnvoll sein, insbesondere von neuen oder geänderten Funktionalitäten.
Eine bewährte Technik ist das Bingo Bongo Testing [BingoBongoTesting]. Es definiert klare Regeln und ist sehr effektiv, bei geringem Zeiteinsatz und hoher Fokussierung. Ein Ziel ist es, gefundene Bugs und Verbesserungsvorschläge zu bewerten und in das Issue-Tracking-System zu überführen.
Eine Session dauert etwa eine Stunde. Je nach Fokus und Projekt werden Entwickler oder auch Fachexperten eingeladen. Zu Beginn der Session wird das zu testende Feature vorgestellt. Dann gehen alle Beteiligten, jeder für sich, auf die Jagd nach potentiellen Problemen in der Software.
Wenn einer der Teilnehmer ein Problem entdeckt, so ruft er „Bingo Bongo“, teilt seinen Bildschirm und demonstriert das Finding. Anschließend stimmen alle Teilnehmer darüber ab, ob es sich wirklich um einen Bug handelt oder um einen Verbesserungsvorschlag, der behoben werden sollten. Zudem wird geprüft, ob es sich um ein neues oder um ein bekanntes Problem handelt. Ist es ein neues Problem und soll behoben werden, so muss der Finder einen Issue im Issue-Tracking-System erstellen und bekommt einen Punkt.

Abbildung 3: Bug Hunting Award
Wer die meisten Punkte hat, am Ende einer Session oder auch sessionübergreifend, gewinnt. Hier kann ein kleiner Preis ausgelobt werden, aber aus unserer Erfahrung ist dies nicht unbedingt notwendig. Meist ist das Finden der Probleme und deren zeitnahe Behebung – bevor sie in der Produktion zu Problemen führen – ausreichende Motivation für die Teilnehmer.
Das primäre Ziel von Bingo Bongo ist natürlich das Fehlerfinden. Wo ein Fehler ist, verbergen sich oft weitere. Durch das gemeinsame Testen werden Fehlercluster leichter aufgedeckt.
Es gibt aber auch weitere Vorteile, quasi als Nebeneffekt. Dadurch, dass jedes Finding präsentiert wird, inklusive des Wegs dorthin, findet zudem eine Wissensvermittlung statt. Gutes Quality Engineering wird so auf leichtgewichtige Art im Team verteilt. Und: Fehlerfindung wird positiv besetzt, gerade für Entwickler eine wichtige Erfahrung.
Teamzusammenhalt stärken

Abbildung 4: Beispiel für Maturity Poker
Als letztes werfen wir einen Blick auf Maturity Poker [Güldali2023:2], eine Technik des Self Assessments. Teams stehen oft vor der Herausforderung zu wissen, wo sie stehen, sei es in der agilen Transformation oder im Quality Engineering.
Maturity Poker hilft, Defizite zu benennen und konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um den eigenen Stand zu verbessern. Dazu definiert das Team Themenbereiche, in denen Verbesserungsbedarf besteht. Vorlagen mit Themenschwerpunkten, z.B. Quality Engineering, können dabei helfen.
Zu jedem Themenbereich werden Herausforderungen benannt, denen das Team gegenübersteht. Anschließend werden Techniken und Praktiken ermittelt, um diesen Herausforderungen zu begegnen.
Danach folgt das spielerische Element, das Pokern. Das Team pokert darum, wie stark es die Techniken und Praktiken bereits verfolgt (Reifegrade: definiert, initiiert, managed, optimiert) und welchen Grad es erreichen möchte. Gemeinsam werden dann Maßnahmen vorgeschlagen und eingeplant, um einen höheren Reifegrad zu erreichen.
Obwohl es sich um einen kooperativen Ansatz handelt, können zusätzliche kompetitive Elemente zum Einsatz kommen. So haben wir es erlebt, dass die erreichten Reifegrade als Badges auf Social Media gepostet wurden oder derjenige im Team ausgezeichnet wurde, der am meisten im letzten Sprint zu Verbesserung beigetragen hat.
Veränderungen können disruptiv auf Teams wirken. Neben anderen Maßnahmen wie einem guten Change Management kann Maturity Poker dazu beitragen, ein gewachsenes Team zusammenzuhalten oder ein neues Team zusammenzuführen. Alle arbeiten am gemeinsamen Ziel der Erreichung eines höheren Reifegrads und gehen eine Selbstverpflichtung ein. Die Motivation, das Ziel zu erreichen, steigt.
Gamification bringt Mehrwert
Gamification-Techniken können gezielt im Alltag eingesetzt werden, sollten ihn jedoch nicht prägen. Schließlich soll Gamification die Arbeit nicht durch dauerhaftes Spielen ersetzen, sondern punktuell unterstützen. Richtig eingesetzt, sind diese Techniken effektiv und effizient. Sie fördern unsere Kreativität, erleichtern die Einarbeitung und Ausbildung von Mitarbeitern und stärken das Team. Um die positiven Effekte zu erreichen, sollten allerdings einige Dinge beachtet werden.
Für den Einstieg eignen sich bewährte Konzepte besser als neue Eigenerfindungen – Risk Storming, Bingo Bongo oder Maturity Poker haben bspw. ihre Tauglichkeit bereits bewiesen. Wenn das Team schon erste Erfahrungen mit Gamification gemacht hat, sind eigene Ideen und Anpassungen natürlich möglich und gewünscht.
Jede Technik sollte klare und einfache Regeln mit sich bringen, so dass keine langen Vorbereitungs- und Erklärungszeiten notwendig sind.
Wichtig ist, auch bei Techniken mit kompetitiven Charakter Konfrontationen zu vermeiden. Gibt es im Team sowieso schon Spannungen, sollten eher kooperative Techniken wie Risk Storming oder Maturity Poker ausgewählt werden, die auch dabei helfen, Konflikte abzubauen und ein gemeinsames Ziel zu definieren. Haben alle Freude an einem spielerischen Wettstreit, so kommen auch kompetitive Techniken wie Bingo Bongo in Frage.
Schließlich sollte die Teilnahme an einer Gamification-Session grundsätzlich freiwillig sein. Aus unserer Erfahrung ist das Interesse sowieso meist so groß, dass nur sehr wenige Teammitglieder sich nicht beteiligen wollen.
Und: auch der Einsatz von Gamification-Techniken kann einer Retrospektive unterzogen werden. Falls etwas nicht passt oder den nicht den erwarteten Erfolg bringt, dann sollten Anpassungen erfolgen.
Dann durchbricht Gamification festgefahrene Prozesse, bringt neue Ideen und somit einen echten Mehrwert.
Quellen
[Deterding2001] Sebastian Deterding, Miguel Sicart, Lennart Nacke, Kenton O’Hara, Dan Dixon. Gamification: Using Game Design Elements in Non-Gaming Contexts. In CHI ’11 Extended Abstracts on Human Factors in Computing Systems (CHI EA ’11). ACM, S. 2425–2428. https://doi.org/10.1145/1979742.1979575
[RiskStorming] Risk Storming von Beren Van Daele. https://www.ministryoftesting.com/collections/riskstorming
[BingoBongoTesting] Bingo Bongo Testing von Ronald Brill. https://www.bingobongotesting.org/
[Güldali2023:1] Baris Güldali, Dehla Sokenou. Gamification in der Qualitätssicherung, Teil 1: Fang den Bug! JavaMagazin 4.2023, S. 50-54, Februar 2023
[Güldali2023:2] Baris Güldali, Dehla Sokenou. Gamification in der Qualitätssicherung, Teil 2: Poker um den Prozess! JavaMagazin 5.2023, S. 94-97, April 2023
[Güldali2023:3] Baris Güldali, Dehla Sokenou. Gamification in der Qualitätssicherung, Teil 3: Schach dem Risiko! JavaMagazin 7.2023, S. 92-97, Juni 2023
